Mehr oder weniger?

Letzte Woche konnte ich den Frühling spüren – strahlender Sonnenschein und 12 °C. Und weil es so verlockend war, bin ich nachmittags nach Steinhude gefahren (mal wieder diesen Winter). Zum Fotografieren natürlich. Meinen Sohn lockte ich mit Eis, also Speiseeis. Das Steinhuder Meer war allerdings auch noch immer mit einer dicken Eisschicht bedeckt.

Und weil es so traumhaftes Wetter war, war Steinhude gut besucht. Unter anderem waren auch jede Menge Fotografen unterwegs (der zugefrorene See im sonnigen Winterlicht ist wirklich ein sehr dankbares Motiv – da kann kaum was schief gehen). Und so habe ich gestaunt, wie viel Ausrüstung einige mithaben. Ich bin in Sachen Fotoausrüstung recht minimalistisch unterwegs und daher bin ich die letzten Tage auch immer mal wieder ins Grübeln gekommen, ob ich dadurch nicht vielleicht DAS Foto verpasse!? Ist mehr Ausrüstung vorteilhafter? Ist es besser einen möglichst großen Brennweitenbereich abzudecken und ein Stativ dabeizuhaben? Und vielleicht noch ein, zwei Filter? Vielleicht begrenze ich mich ja nachteilig, wenn ich auf all das verzichte?

Es ist natürlich vor allem auch eine Typfrage. Wer technische Spielerei mag, dem würde vermutlich was fehlen, wenn der Fotorucksack nicht auf den Schultern drückt. Ich dagegen würde wahrscheinlich eh selten das Objektiv wechseln und noch seltener das Stativ aufbauen, weil … Ich weiß gar nicht genau warum. Ich schätze, weil es nicht das ist, was mich an der Fotografie reizt – also das Austesten von verschiedenen technischen Möglichkeiten und Varianten. Ich mag an der Fotografie, dass sie mich im Augenblick hält und aufmerksam sein lässt. Meine Gedanken sind in der gleichen Zeit wie der Rest von mir – nämlich im Jetzt. Sie sind da, wo das Leben stattfindet. Sie eilen nicht in die Zukunft zur Planung des nächsten Tages und schwelgen auch nicht in Erinnerungen vergangener Zeiten – wie sie es sonst sehr gern tun. Wenn ich fotografiere, sind meine Gedanken bei dem, was ich tue – nämlich ein Motiv suchen, das ich ablichten möchte. Ein Foto komponieren. Einen Moment einfangen und zum bleiben zwingen.

Weniger Technik lässt mich daher intensiver mit dem Motiv beschäftigen und somit auch intensiver im Jetzt verweilen. Die Begrenzung auf wenig Technik lässt mich mehr sehen. Und das nicht nur mit den Augen. Ich werde kreativer und freier bei der Ablichtung eines Motives. Das klingt wie ein Widerspruch, denn gemessen an den heutigen technischen Möglichkeiten begrenze ich meine technischen Möglichkeiten ja doch sehr. Und gerade diese Begrenzung gibt mir das Gefühl freier zu sein (oft ist es einfacher aus 3 Möglichkeiten als aus 10 auszuwählen). Und wenn ich mich freier fühle, können auch meine Gedanken und Bilder freier und kreativer entstehen. Dadurch das mein Gehirn sich nicht mit der „Technik-Frage“ beschäftigen muss, kann es sich mit Bildaufbau und dem Entdecken unerwarteter Motive beschäftigen. Entgegen allen hartnäckigen Gerüchten ist unser Gehirn tatsächlich nicht multitasking-fähig – es kann sich nur auf eine einzige Sache konzentrieren. Und da bei mir die verschiedenen Technikmöglichkeiten wegfallen und für keinerlei Ablenkung sorgen, sind die Kapazitäten frei für das Motiv. Und den Augenblick.

Und so habe ich vom letzten Mittwoch nicht nur die Fotos als Erinnerung, sondern auch die tatsächliche Erinnerung an einen Nachmittag im schönsten Winterlicht. Natürlich wird mein Gehirn im Laufe der Jahre diese Erinnerung abwandeln – aber was ist schon perfekt?

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„Der Verzicht nimmt nicht. Der Verzicht gibt. Er gibt die unerschöpfliche Kraft des Einfachen.“ (Martin Heidegger)

Annett

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21 Kommentare zu „Mehr oder weniger?

  1. Wunderschöne Bilder (besonders das Erste) und gute Gedanken, wie ich finde, Annett. Es geht nicht jedem Fotografen um das gleiche, wenn er oder sie sich mit dem jeweils gewähltem Equipment auf den Weg macht. Für mich ist es oft ähnlich wie für dich. Wenn ich dann aber etwas sehe, was ich mit dem, was ich dabei habe, nicht umsetzen kann, nehme ich vor, den Ort noch einmal aufzusuchen und ganz gezielt das passende dabei zu haben. Das kann dann auch ein Stativ sein. Aber die Zeiten, wo ich mich mit einer gefühlt tonnenschweren Auswahl an Objektiven auf den Weg gemacht habe, liegt weitgehend hinter mir. Tatsächlich habe ich auch dann oft nur mit dem einen gearbeitet, welches gerade schon auf der Kamera saß, weil ich eben lieber komponiere und begeistert die im Kopf entstehenden Bilder umsetze, als die Linsen zu wechseln :-D. Aber es gibt eben auch Ausnahmen.

    Liebe Grüße

    Conny

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    1. Tja, was soll ich da bloß zu meiner Verteidigung anführen? Es ist einfach so naheliegend. Wirklich, wirklich naheliegend. Habe aber extra einen anderen Titel (nicht etwa Eis 4) gewählt, um nicht zu langweilen 😉

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  2. liebe annett, ich weiß ganz genau wovon du sprichst. ich kann diese absichtliche reduktion der technik gut nachvollziehen. ich besitze zwar mittlerweile auch einen kleinen fuhrpark an objektiven, meistens verwende ich aber das „immerdrauf“ und gelegentlich hab ich noch ein zweites dabei, wenn ich bestimmte motive vorhabe, für die ich mehr lichtstärke brauche oder mehr brennweite oder das makro. ich merke aber, wie sehr mich die frage nach der „richtigen“ technik vom eigentlichen motiv ablenkt, wie oft mir dann etwas durch die lappen geht, weil ich „eben grad das falsche drauf hab“. wenn ich nur mit einem set unterwegs bin, ist es meist viel harmonischer und zufriedenstellender.

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  3. Ich mach’s genau so mit der Technik, der Fotografie und dem Im-Moment-Sein und frage mich manchmal, ob ich nicht doch etwas mehr Technik brauche oder nutzen sollte, um mich fotografisch weiterzuentwickeln. In manchen Blogs – wie zum Beispiel auch deinem!!! – sehe ich aber immer wieder Fotos, die mir sehr gut gefallen und die ich mir mit noch mehr Technik und Gedöhns gar nicht besser vorstellen könnte… sie sind aber ansprechend und wirken (teils) sehr professionell (für mich als Laien…). Und sie zeigen eins: da ist jemand mit Herzblut dabei: beim Fotografieren, beim Moment, beim Leben – das mag ich! Und so traue ich mich weiterhin, zu glauben, mich fotografisch weiterentwickeln zu können ohne Riesen-Equipment und mit nur einem Objektiv zur Hand und dem Herz offen für das, was sich mit bietet…

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    1. Ich glaube, pauschalieren kann man das gar nicht – Technik kann fördern oder behindern. Mich behindert sie ja eher. Und ich habe nur 1 Kamera. Und diese seit 10 Jahren. Und mein Fotografieren hat sich damit definitiv weiterentwickelt. Aber nun merke ich deutlich, dass es Zeit für etwas neues und den den nächsten Schritt ist. Aber viele Jahre war ich damit zufrieden und ich habe mich ausführlich mit (meiner) Fotografie befasst. Und das konnte ich, weil ich die Technik beherrschte und mich nicht damit auseinandersetzen musste. Also, jaaaa, definitv kannst Du Dich auch ohne Riesen- Equipment fotografisch weiterentwickeln.

      Hoffentlich habe ich Deinen Kommentar richtig verstanden und meine Antwort ist auch verständlich 😉

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      1. Ich denke, du hast mich richtig verstanden und deine Antwort ist verständlich;-)! Eigentlich habe ich schon einiges an Equipment, so ist das nicht (3 Objektive, Stativ…), aber wenn ich losziehe zum Fotografieren, entscheide ich mich i.d.R. für ein Objektiv (und meist gegen Stativ), so dass ich unterwegs nur die Kamera und das Objektiv habe… das reicht… mit der Technik der (meiner) Kamera beschäftige ich mich sehr ausführlich und ich halte es auch für sinnvoll, jetzt länger bei dieser Kamera zu bleiben, zu experimentieren, die Technik zu beherrschen, um zu „meinem“ Stil zu finden…
        Bin gespannt, was du technisch als nächsten Schritt machst und was dein neues Equipment bringt – wenn ich das richtig verstanden habe, scheinst du dir ja was neues zulegen zu wollen… 😃

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