out of memory

Wenn ihr alle eure Fotos verlieren würdet (Festplattencrash z. B.), würdet ihr sie dann vermissen? Ja, vermutlich. Aber: an wie viele würdet ihr euch erinnern, um sie zu vermissen?

In digitalen Zeiten mit preiswerten Speichermedien werden Fotos ohne Ende gemacht. Es wird gesehen, aber wenig bewußt wahrgenommen. Ich habe neulich den Artikel einer Journalistin gelesen, die alle ihre Fotos (besonders halt Babyfotos ihrer Kinder und ähnliche Familienfotos) durch einen Festplattendiebstahl verloren hat. Nach einer anfänglichen tiefen Verzweiflung konnte sie einige dieser Fotos wieder organisieren. Sogar erstaunlich viele, glaube ich. Die, die sie wiederbekommen hat, sind nun natürlich besonders wertvoll für sie geworden. Aber es sind auch wiedergefundene Fotos dabei, an die sie sich gar nicht mehr erinnern konnte. Da ist ihr bewußt geworden, wie schnell wir heutzutage Kamera oder Smartphone zücken um alles zu dokumentieren. Oft, so argumentiert sie, sind wir dadurch und durch die Technik so abgelenkt, dass wir den tatsächlichen Augenblick verpassen und keine Erinnerungen daran haben, sondern nur nur das Foto (welches dann unsere Erinnerung ist). Seit ihr das bewußt geworden ist, zückt sie viel seltener ihr Smartphone, sondern bleibt im Moment und beobachtet bewußt. Die Erinnerung an den Moment hat sie dann nicht als Foto (oder Videosequenz), sondern in ihrem Kopf und ihrem Herzen. Und letztlich leben die Erinnerungen ja durch unsere Gefühle und Gedanken in dem Moment des Erlebens – so ihre Sichtweise.

Da habe ich lange drüber nachgedacht. Im Gegensatz zu ihr lenkt mich die Technik und der Vorgang des Fotografierens nicht ab. Inzwischen nicht mehr! Vor einigen Jahren sah das noch anders aus. Das Fotografieren forciert meine Aufmerksamkeit und schult meine Beobachtungsgabe. Obwohl ich mich oft dabei ertappe, dass ich sehe ohne wahrzunehmen. Wenn ich aber meine Gedanken zurück in die Gegenwart befördere und dann das, was ich sehe, auch wahrnehme, dann verstärkt die Fotografie nur noch alles für mich. Das Sehen und Wahrnehmen wird intensiver. Ich beschäftige mich wesentlich eingehender mit dem Fotomotiv und/oder mit dem Moment. Im Idealfall habe ich dann eine ganze Reihe von Aufnahmen, aus denen ich mir anschließend diejenigen aussuche, die mir tatsächlich am Besten gefallen und in die ich weitere Bearbeitung investiere. Und an diese Auserwählten erinnere ich mich immer. Aber die anderen, die es nicht in die engere Auswahl geschafft habe, vergesse ich (meistens).

Manchmal durchstöbere ich mein Archiv und entdecke solche vergessenen Fotos bzw. Fotos, die es aus irgendwelchen Gründen nicht in die engere Auswahl geschafft haben. Und dann ist es auch schon vorgekommen, dass ich ein Foto plötzlich anders sah, das es mir doch gefiel und ich dann erst – mitunter Jahre später – die weitere Bearbeitung investiert habe.

Ich hänge an meinen so ausgewählten Fotos und würde sie schmerzlich vermissen, wenn es sie nicht mehr gäbe. Aber ich erinnere mich nicht an jedes Foto, das ich jemals gemacht habe. Dazu macht es mir der digitale Fortschritt einfach zu leicht eine riesige Anzahl an Fotos zu produzieren.

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Annett

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22 Kommentare zu „out of memory

  1. Also für mich wäre es am schlimmsten Familienfotos, Hochzeiten oder Geburtstage und Urlaubsreisen zu verlieren. Diese Momente kann man einfach nicht mehr nachholen und sie haben schon einen bestimmten wert. Ich stelle mir vor du machst einen nicht alltäglichen Urlaub und kommst nach Hause und die Speicherkarte ist defect und du hast nicht ein einziges Foto von dieser REise. Dies wäre für mich ein Albtraum. Ich sichere alle meine Fotos auf 2 externen Festplatten und hatte bis heute das Gluck dass alle meinen Bilder gespeichert und gesichert sind ohne nur ein einziges zu verlieren. Hoffe es bleibt so !!!

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    1. Ich drück Dir natürlich die Daumen, dass es so bleibt! Ich bin bisher auch gut klar gekommen. Und das darf gerne so bleiben … 😉

      Bei Deinem Beispiel mit dem Urlaub: nun … ich bin der Meinung, dass der Urlaub trotzdem toll war und die Erinnerungen bleiben ja auf jeden Fall. Nur kann man die Fotos nicht rumzeigen. Man kann nicht beweisen, wie cool es war. ;). Versteh mich nicht falsch, ich wäre todunglücklich, wenn mir das passieren würde. Aber tief in meinem Inneren frage ich mich doch, ob es tatsächlich so schlimm wäre. Denn wenn ich die Fotos für mich mache, habe ich doch auch gute Erinnerungen an den Urlaub – ich war da und habe intensiv den Urlaub erlebt und genossen (alles was einen auf emotionaler Ebene stark berührt, speichert sich besser im Bewußtsein ab). Und diese Erinnerungen kann ich nicht nur mit Hilfe eines Fotos abrufen! Wenn ich aber Fotos „für andere“ und vorwiegend zum zeigen mache, dann ist es schlimm. Ich kann mich heute abend nicht mehr so gut ausdrücken, aber vielleicht wird ja trotzdem klar, worauf ich hinaus will …

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      1. Ich habe dich völlig verstanden und du hast ja auch Recht ! Ich mache mir von jedem Urlaub eine DVD über das Magix Programm ( weiß nicht ob du das kennst). Bilder werden reingestellt, mit Musik hinterlegt und mit Texten und jede Menge Effekte. Diese DVD schaue ich mir dann im Fernsehen an wenn ich gerade mal wieder an den Urlaub denke. Ich empfinde Erinnerungen an den Urlaub einfach intensiver wenn ich die Fotos im Fernseh sehe. Was das Thema „für andere“ betrifft so werden diese Filme eigentlich nur 1 x innerhalb der Familie gezeigt. Ich habe auch schon von anderen Filme dieser Art gesehen und wenn man selber nicht dabei war wird es schnell langweilig. Ich mochte auch nie die stundenlange Dia-Abende die mache veranstaltet haben und sich wirklich Mühe gemacht haben.
        Also ich brauche meine Fotos und das gleiche gilt natürlich auch für Familienfeste jeglicher Art und es ist für interessant wie man vielleicht vor 10 Jahren ausgesehen hat oder hauptsächlich die Kinder !
        Ich danke dir für deinen Kommentar und hoffe du hast mich auch verstanden.

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  2. Sehr stimmiger Text – ich denke auch, dass es wichtig ist, nicht „nur“ zu fotografieren im Sinne von Konsumieren, „Zack-zack“… sondern dass Fotografie dazu da sein kann, anders, tiefer und mehr zu sehen, wahrzunehmen… und manches kann man nicht tiefer und mehr sehen als eben auch mal ohne Kamera! Was mir wichtig ist: löschen! Nachdem ich Fotos gemacht habe, sortiere ich und lösche oft ein Viertel und mehr… das habe ich mich früher nicht getraut, aber nach einem Kurs bei einem guten Fotografen, der das wirklich „gepredigt“ hat, habe ich verstanden, was er meinte… man macht eben auch gar nicht sooooooo viele wirklich tolle Fotos – auch nciht von Babys oder Familienfeiern… von mir und meinen Geschwistern gibt es nur ganz wenige Kinderfotos, die sind dann aber sehr wertvoll und schmälern den Wert unserer Erinnerungen nicht… … Ich glaube allerdings auch, dass die heranwachsende Generation andere Hirnstrukturen entwickelt aufgrund von vielen Fotos… so kann sich beispielsweise mein Neffe an Dinge erinnern (wirklich erinnern), die er mit drei oder zwei Jahren gemacht hat, weil er Fotos davon sieht… und er erinnert sich dann auch an mehr als auf den Fotos zu sehen ist… das finde ich interessant und glaube, dass sich dadurch einfach auch etwas anders entwickelt… Aber auch das Sehen OHNE Kamera, ohne Festhalten des Moments sollte uns noch wertvoll bleiben – gerade als (Hobby)Fotograf! Danke für den schönen Text, liebe Annett, ich glaube, der gäbe noch viel Gesprächsstoff ab für eine nette Runde von Hobbyfotografen… …. Einen guten Wochenstart!!!

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    1. Danke für Deinen netten Kommentar – ich musste auch an Deinen Blog und die Worte zur Achtsamkeit beim Fotografieren denken!

      Ich weiß, dass man digital heute so viele Fotos macht und trotzdem bringe ich das löschen nicht über’s Herz. Aber ich verstehe, die Argumentation dafür. Seit ich aber festgestellt habe, dass ich meine Ansichten zu Fotos ändere, bin ich ganz weg vom Löschen. Der Berufsfotograf von Deinem Workshop – löscht der auch konsequent einen Teil der Fotos, die er bei Aufträge gemacht hat? Das würde mich interessieren.

      Ja, das Thema bietet viel Diskussionspotential … leider gibt es in meinem Umkreis zu wenig Hobbyfotografen … 😦

      Dir auch eine schöne Woche!

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          1. Habe gerade eben noch Fotos gemacht, etwas über 40 Stück, fünf sind übrig geblieben auf der Karte… der Rest gelöscht… Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich noch nicht so „gut“ bin😂… Aber im Grunde kann ich von mir sagen, dass ich mittlerweile recht beherzt die Entfernen-Taste drücken kann (bei einem Familien-Shooting hatte ich um die 500, nicht mal 120 sind geblieben… )

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              1. Ja, einige schon, denen gebe ich nicht mal die PC-Chance… heute z.B. habe ich von den 40 alles auf der Speicherkarte gelöscht, bin mit 5 Fotos in Lr und habe dann noch mal 2 gelöscht… also im Endeffekt sind 3 übrig geblieben… Bei dem Familienshooting habe ich am PC gesichtet und gelöscht… das war mir zu heikel da auf dem kleinen Display mein Urteil zu fällen;-)…

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  3. liebe annett, mir geht es sehr ähnlich wie dir und ich finde mich in deinen worten stark wieder. ich suche auch immer die bilder raus, die ich am meisten mag und an die meisten davon erinnere ich mich auch. es wäre sehr schmerzlich, die bilder zu verlieren, weil fotografie für mich eine art visuelles denkarium ist.
    deine ausgewählten bilder mag ich sehr. die erfahrung, dass man manchmal zu einem späteren zeitpunkt etwas in bildern sieht, die man erstmal beiseite gelassen hat, hab cih auch schon gemacht.

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    1. Denkarium ist ja ein interessantes Wort. Das kannte ich noch gar nicht. Und weil ich neugierig bin, habe ich gerade mal nachgeschaut, weil ich wissen wollte, ob das Deine Wortschöpfung ist oder ich das nur nicht kenne. Und nun weiß ich warum – ich habe nie Harry Potter gelesen oder die Filme geschaut. Allein wegen Denkarium erwäge ich es nun zu tun. Vielleicht 😉

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  4. Mmmmh, ist sicher ein Albtraum, gerade wenn es um Momente in der Familie geht. Die Erinnerungen an die früheren Jahre meiner eigenen Kinder, die Feiern, die Feste, die Erlebnisse… Klar, man schaut sie selten an, aber es ist gut zu wissen das die da sind… auf jeden Fall ansich ein spannendes Thema. Das klammern an die Erinnerungen und die Angst diese zu vergessen… Regt zum nachdenken an!!

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    1. Ich möchte meine Alltagsfotografie auch nicht verlieren. Allerdings habe ich die besten Fotos da tatsächlich auch auf Papier und in einem Album (eine Art Fototagebuch). Das macht monatlich Mühe, aber für mich lohnt es sich, weil ich sie mir dadurch tatsächlich auch oft ansehe. Digital schaue ich kaum – da geht es mir wie Dir. 😉

      Das Klammern an Erinnerung finde ich gar nicht so schlimm, nur die Tatsache, dass wir uns an irgendwelche Gegenstände klammern, weil wir meinen, damit Erinnerungen zu verbinden. Aber genaugenommen sind alle Erinnerungen in uns und es braucht gar keine Vase um an Oma zu denken … aber ein Foto von Oma ist halt schön zum zeigen. 😉

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      1. Ich seh das ähnlich. Wobei ich mir jedes Jahr die Mühe mach, alle Fotos, Videos und die gehörte Musik in Form einer Dia-Video-DVD zusammenfasse. Eine Art Jahresrückblick. So lässt sich mit einem Mal ein ganzes Jahr bequem vom Sofa aus nachfühlen 😉 Ist extrem viel Arbeit, aber es lohnt sich jedes Jahr aufs neue 😉

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  5. Ich mache am Endes jeden Jahres einen Rückblick in dem ich mir nochmal alle Bilder des Jahres anschaue, gleichzeitig die externen Festplatten aufräume und die schönsten Bilder werden dann zu einem Fotobuch, so bleiben falls was passiert die schönsten immer greifbar.

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