Für mehr Langsamkeit

Einer der ersten Fotografen mit denen ich mich näher beschäftigt habe, war Ansel Adams. Das war vor 10 Jahren. Immer wieder stolper ich über seine Fotos, abgesehen davon, dass ich zwei seiner Bücher im Bücherregal habe. Als nächstes galt mein Interesse Annie Leibowitz. Dann haben mich Fotografen wie Elliot Erwitt, Brett Weston und – aktuell – Bruce Barnbaum begeistert. Keine Frage, das sind/waren alles große Persönlichkeiten mit beeindruckenden, zeitlosen Werken. Und auch wenn ich nicht einmal die Kameratechnik mit ihnen gemeinsam habe, beeindruckt mich eines immer wieder an ihren Werken: nämlich die Sorgfalt, Genauigkeit und Zeitlosigkeit ihrer Fotos. Da steckt viel Arbeit drin, die man nicht sehen kann. Und sie sind das genaue Gegenteil von dem, was derzeit gerade passiert. Unser Leben ist schnell geworden. Und so ist unser Konsum und unsere Freizeit. Ruhe und Zeit sind kostbar geworden und werden doch inflationär benutzt, oft einfach nur verschwendet.

Und so ist es auch in der Fotografie geworden (natürlich kann sich eine Gesellschaft nicht nur in einem einzigen Lebensbereich wandeln, sondern es trifft immer alle Seiten der Medaille). Ich finde es unfassbar, wie viele Fotos täglich im Internet, besonders in den sozialen Medien, auftauchen und keine 24 Stunden später wieder verschwunden sind, was – nebenbei gesagt – in 95% der Fälle auch das Beste ist.

Dennoch stimmt es mich nachdenklich und ein wenig traurig, dass auch viele gute und sehenswerte Fotos einfach und schnell wieder in der Versenkung verschwinden. Oft zu schnell. Es scheint mir, als ob es nur aktuelle Fotos „verdient“ haben, gezeigt zu werden. Aber ein Foto ist doch nicht automatisch schlecht, nur weil es nicht innerhalb der letzten 24 Stunden aufgenommen wurde, sondern vielleicht schon vor 2, 5 oder 15 Jahren.

Ich erwähnte in einem anderen Post, dass ich meine Fotos behalte, auch wenn es nicht alle in die engere Auswahl schaffen. Ich behalte sie, weil ich mich ändere. Ich ändere meine Ansichten. Ich ändere mein Sehen und mein Bewußtsein. Das ist nichts, was ich bewußt mache, sondern eine normale Entwicklung. Und auch wenn ich finde, dass sich mein Leben manchmal zu schnell dreht, ist Leben Veränderung. Und mit dem Leben verändere ich mich. Und daher kommt es vor, dass ich Fotos, die ich noch vor einigen Jahren uninteressant fand, nun gelungen finde. Andersrum funktioniert das auch: Fotos, die mir gefielen, mag ich nun nicht mehr ansehen.

Also habe ich beschlossen, den Rotationszyklus meiner Fotos etwas langsamer und sorgfältiger laufen zu lassen – sowohl beim Fotografieren als auch beim Präsentieren. Gegen das Vergessen, sozusagen. Ich werde mein Archiv betreten und nach beinahe vergessenen Schätzen Ausschau halten. Ich werde sie abstauben und präsentieren. Es muss nicht alles neu sein für mich (und das schreibe ich nicht, weil mir die Ideen ausgehen). Ich liebe viele meiner „alten“ Fotos noch immer und dann habe ich Lust ihr Aussehen zu optimieren und sie wieder mit neuen Augen zu betrachten. Schließlich bin ich inzwischen ein anderer Mensch – mit anderen (und auch verbesserten) Fähigkeiten.

Und das gefällt mir bei den oben erwähnten Fotografen. Ihre Fotos haben sie sorgfältig komponiert, dann entwickelt und bearbeitet. Sie haben Mühe, Gedanken und Zeit investiert. Und auch wenn ich bei weitem nicht gedankenlos fotografiere, so könnte ich doch bereits beim Fotografieren noch sorgfältiger sein und bewußt sehen. Und nicht erst bei der anschließenden Bearbeitung am PC. Auch wenn mich das digitale Fotografieren dazu verleitet, sollte ich doch auch heute noch Zeit, Mühe und Geduld in meine Fotografie investieren. Ich bin überzeugt, dass das der Fotoqualität zugute kommt und damit auch der Lebensdauer eines Fotos. Ich finde in Zeiten, in denen vieles oberflächlich wirkt und wird, darf gerne etwas mehr Tiefe und Beständigkeit in mein Leben kommen. Ich mag Echtheit.

Dieses Foto hat nichts außergewöhnliches oder gar aufregendes. Es ist ein einfaches und ruhiges Foto, das ich 2009 gemacht habe. In verschiedenen Varianten. Damals war es mir nicht bewußt, aber ich mag Fotos, die mehr Fragen stellen als sie beantworten. Spiegelungen und Reflexionen können auf den ersten Blick verwirrend sein. Der Betrachter ist gezwungen sich Zeit zu nehmen um das Bild gedanklich zu ordnen. Je nach gewähltem Ausschnitt erschließt sich die Realität aber trotzdem nicht und das Foto bleibt abstrakt. Das ist hier nicht der Fall. Auch wenn man die tatsächlichen Ballons nicht sieht, ist dennoch ganz klar, das es welche sind. Und das Kind (zusammen mit seiner Reflexion im Wasser) sorgt für einen kurzen Moment des Überlegens, wo denn nun oben und wo unten ist.

DSC_5045 mod01a

So ist das mit den beinahe vergessenen Schätzen – sie inspirieren mich und fordern mich heraus. Sie verleiten zu neuen Ideen. Sie erinnern mich daran, was ich mag und was mir wichtig ist.

Annett

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26 Kommentare zu „Für mehr Langsamkeit

  1. Moin, weise weise Worte!

    Wie haben heute tatsächlich die Situation, das wir überschwemmt werden.
    Egal womit. (denke und schreibe einfach mal frei drauf los)

    Aber, wir sind auch ein wenig Teil Dessen, wenn wir regelmäßig „posten“ oder denken täglich
    veröffentlichen zu müssen damit wir ja unsere Follower bei Laune halten 😉

    Wen das ehrlich nicht interessiert, veröffentlicht wann er will, fördert nicht das tägliche,
    vergängliche, die Überschwemmung an „egal was“, und konzentriert sich auf das Wesentliche, Schöne „Bemerkens-werte“.

    Die Frage die bleibt, warum posten wir eigentlich?
    Für uns (könnten wir uns sparen) oder für die Follower oder für die Entdeckerin/den Entdecker?
    Wenn Frau/Mann etwas festhalten will für die übernächste Generation, dann sollte es ein Buch sein,
    das Internet ist flüchtig, Blogs werden irgendwann einfach verschwinden.

    Gute Gedanken, danke, hat mich angeregt mal nachzudenken.
    VG

    PS: Zum Bild kann ich schreiben, klasse 🙂

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    1. Danke für Deinen Kommentar. In vielem stimme ich Dir zu. Deine aufgeworfene Fragen habe ich mir natürlich auch schon gestellt. Ich vermute, das macht jeder Blogger früher oder später. Die Antwort auf die Frage, warum man bloggt, hilft auf jeden Fall beim bloggen; hilft beim weitermachen. Aus anderen sozialen Medien halte ich mich (inzwischen) raus, weil ich dem nichts abgewinnen kann.

      Gruß, Annett

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  2. liebe annett, ein wunderschöner text und eine hommage an das, woran es im leben geht: das erLEBEN. das meiner meinung nach seit sich die zeit so schnell dreht irgendwie zu kurz gekommen ist. ich hab erst letztens im gegenteilblog einen text gelesen wo eine instagrammerin geschrieben hat, dass sie nur mehr getan hat, was sich gut ins internet packen ließ und eigentlich gar nichts mehr davon mitbekommen hat. ich kenne diese tendenzen gut und ich finde sie schrecklich und auch ich versuche mich eigentlich grade mit der fotografie immer wieder dagegen zu wehren. sich beim fotografieren mehr zeit zu nehmen, das wäre auch ein vorsatz. ich bin fürchterlich ungeduldig, drücke 3x auf den auslöser und eins davon wird dann schon passen. im nachhinein ärgere ich mich dann oft, dass ich dieses oder jenes nicht erkannt habe. es ist wohl oft eine überforderung an eindrücken, die es schwer macht, sich auf diese eine sache zu konzentrieren. aber man sollte es viel öfter versuchen.

    diese beiden bilder, die du hier zeigst, sind absolut genial. im archiv nach alten bildern kramen und sie wieder neu beleben, das tu ich übrigens acuh sehr gern.

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    1. Danke für Deinen Kommentar – das bedeutet mir viel. Krasses Beispiel führst Du an von der Instagrammerin. Wer möchte schon ein oberflächliches Leben für Fremde führen? 😯

      Das mit dem ungeduldigen bzw. hastigen Fotografieren kenne ich auch von mir! Aber ich muss auch sagen, es wird besser. Ich kann immer öfter bewußt innehalten beim Fotografieren. Bei mir verlangsamt sich das Fotografieren und ich muss nicht mehr jedes Foto um des Fotos willens und zeigens machen. Aber es erfordert Disziplin und Bewußtsein. 😂

      Gruß, Annett

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      1. absolut – und es hat auch finde ich viel mit der begleitung zu tun. ich habe oft ein schlechtes gewissen, weil jemand dann „auf mich warten“ muss. aber das ist nur ein teil der wahrheit, denn viel mehr zeit nehme ich mir auch nicht, wenn ich alleine unterwegs bin. es ist auf jeden fall etwas, auf das zu achten es sich lohnt.

        und ja – ehrlich gesagt denke ich, dass es mittlerweile sehr, sehr viele menschen gibt, die so ein leben führen!

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  3. Die Bilder sind super. Tolle Bildidee.

    Ich kann Dir und meinem „Vorredner“ FotoJoerg nur zustimmen.
    Angesichts der Leichtigkeit, mit der man Bilder und Informationen erzeugen kann, verlernt man allmählich die „Arbeit“ des Erinnerns. Man hat ja schließlich alles festgehalten und konserviert.
    Schaue ich die spärlichen (und qualitativ auch noch schlechten) Fotos von vor Jahrzehnten an, dann ist das Bild der Auslöser für den Gedankenprozeß, von ganz hinten die damit verbundene Geschichte hervorzukramen…
    Und dieses Erinnern ist für mich das Schönste.
    Trotzdem macht auch jetzt das Fotografieren als Tätigkeit einfach Spaß, weil man auch mit vielen Bildern Geschichten erzählen kann.
    Und – neben dem schnelllebigen und vergänglichen Blog sollte man für alle Fälle noch ein Fotobuch mit den schönsten Momenten parat haben.

    LG Lutz

    Gefällt 2 Personen

    1. Danke für Deinen Kommentar, Lutz. Interessanter Aspekt, den Du anbringst. Daran habe ich noch nicht gedacht. An die Sache mit dem Verlernen des Erinnerns. Da werde ich noch weiter drüber nachdenken (müssen).

      Ja, Fotografieren macht Spaß und so soll es sein. ☺

      Gruß, Annett

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  4. Wundervoller Text, großartige Aufnahme einer Szene die sowas von nicht alltäglich ist… Im Text steckt sehr viel Inhalt, man merkt das Du Dir Gedanken gemacht hast. Das ist schön und vor allem selten… Ich hab ein Fotobuch von meinem 365 tage Projekt und sooo froh das ich die zeit damals investiert habe… Es hat sich sehr gelohnt!!

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    1. Vielen Dank für Deinen Kommentar – ich schätze Deine Anmerkungen immer sehr. Ein (ordentliches) Fotobuch sollte ich auch mal in Angriff nehmen. Die eigenen Fotos auf Papier sind nochmal anders. Eindrucksvoller, irgendwie 😉

      Gruß, Annett

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      1. Moin Winterlicht,

        dazu mag ich mich nochmal kurz melden.

        Wir (Dosenkunst meets Mainstyle) haben ja gerade eine Ausstellung im realen Leben an einem haptisch wahrnehmbaren Ort laufen (bis Sonntag den 04,06.17) UND, das ist einfach eine ganz andere Erfahrung oder Wahrnehmung von Bildern.
        Auch da sie nicht „nur“ im Netz am PC präsentiert/angesehen werden, sondern auf Leinwand, genauso ist das mit einem Fotobuch, anfassen, ansehen, glücklich sein 😉

        Ich denke wir müssen für die wirklich guten Sachen zurück in die haptische Realität, eine 180cm Leinwand kann man
        (heute) einfach noch nicht am Computer bzw im Netz genießen 😉

        Du weist glaube ich längst was ich meine, wollte es aber trotzdem nochmal unterstreichen.
        vg
        joerg

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        1. Ja, ich weiß, was Du meinst und stimme Dir zu Ich habe je noch meine Alltagsfotografie, die ich nicht hier zeige, sie habe ich in/auf Papier. Aber meine Fotos aus diesem Blog und meine künstlerische Fotografie, die haben auch Papier verdient. Mit einem Teil dieser Fotos habe ich übrigens im September meine erste Ausstellung und bin schon sehr gespannt auf die Erfahrung (und lese daher auch so interessiert über Deine/Euren jetzigen Erlebnisse) 😉.

          Schönes Pfingstwochende wünsche ich Dir.

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          1. Hi, ja, wie, Ausstellung, da muss ich hin! 🙂
            Klasse!
            Jörg wird dazu noch was bloggen glaube ich, bei mir passt das nicht so rein,
            aber wenn Du Fragen hast, wir geben gerne alles weiter was wir so im Verlauf lernen mußten bzw. auch gut angegangen sind!
            Schöne Pfingsten!
            fotojoerg at mainstyle.org

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  5. Deinem Text ist nichts hinzuzufügen… nur eins: dieses Foto hat sehr wohl etwas Außergewöhnliches und Aufregendes!!! Ich finde es fantastisch und es wird mit Sicherheit zu den Fotos zählen, die ich innerlich abspeichere! DAS finde ich ganz groß!!! Toll!

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  6. Ein großartiges Bild, das vorweg. Diese Bilderflut erschlägt einen, wenn man zulässt, dass sie einen erreicht, was ich zunehmend weniger oder nur noch punktuell tue. Aber ich vermute, da gehöre ich eben auch zu der Generation, die das ganz anders wahrnehmen, als die aktuell junge. Schöner Post!

    LG, Conny

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, da hast Du Recht, Conny. Ich grenze mich da auch ab uns setze mich nur mit den Dingen auseinander, die ich für mich lohnend empfinde. Aber das war nicht immer so. Ich musste es erst lernen.

      Danke für Deinen Kommentar. Ich schätze das sehr. 😊

      Gruß, Annett

      Gefällt 2 Personen

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