Bild

abstrakte Liebe

Ich war in meinem Archiv und habe nach beinah vergessenen Schätzen Ausschau gehalten. Wie ihr vielleicht wißt, möchte ich meine alten Fotos neu entdecken und so ihren Lebenszyklus in dieser schnellebigen Zeit verlängern – diese Idee habe ich hier beschlossen.

Ich bin daher ganz gezielt zu den Anfängen meiner Fotografie gegangenen. Im Jahr 2007 war ich im Yellowstone und habe dort ein Foto gemacht, an das ich mich immer noch sehr gut erinnere und das mir seit 10 Jahren gefällt. Das könnte ich abstauen und schauen, ob ich ihm einen neuen (digitalen) Anstrich verpassen sollte/müsste/wollte.

So mein Plan für diesen Blogpost. Aber dann kam es anders.

Ich habe das Foto gefunden und statt wie üblich Freude beim Anblick zu empfinden, sehe ich nur noch die Fehler, die ich gemacht habe. Das Bild würde ich heute so nicht mehr fotografieren. Schlimmer noch ist, dass es seinen Reiz für mich verloren hat. Es gefällt mir nicht mehr. Ich sehe nur das überbelichtete Weiß, den abgeschnittenen Baum und eine allgemeine Disharmonie, die mir nicht zusagt,, die ich aber auch nicht näher bestimmen und so vielleicht ändern kann. Es ist wirklich merkwürdig. Wie kann ein Foto, das mir mal sehr viel bedeutet hat, sich so von mir abwenden? Oder besser: ich von ihm? Offenbar haben sich meine fotografischen Vorlieben in all den Jahren sehr gewandelt, aber so stark? Anderseits ist niemand derselbe, der er noch vor 10 Jahren war. Da ich also keine andere Wahl habe, versuche ich diese Vorstellung zu akzeptieren. Denn ändern kann und will ich es nicht mehr.

Nachdem ich mich nun also ein wenig ausgejammert habe, werde ich mein ehemaliges Lieblingsstück trotzdem zeigen. Auch wenn ich das Foto heute so nicht mehr aufnehmen würde, gehört es doch zu meiner fotografischen Entwicklung. Und nur weil ich enttäuscht bin und das Mißlungene sehe, heißt das nicht, dass es anderen auch so geht.

DSC_1864 mod01a

Aber kein Blogpost ohne Happy End. Während ich also auf dem Weg zu einem ehemaligen und fast vergessenen Lieblingsfoto bin, stolpere ich über ein anderes, das ich damals ebenfalls im Yellowstone National Park, wenngleich an anderer Stelle, gemacht habe. Dieses Foto habe ich aber 10 Jahre ignoriert. Und wieder frage ich mich, wie sich meine fotografischen Vorlieben so ändern konnten!?

Ich mag an diesem Foto, dass ich es lange betrachten und dennoch neue Details entdecken kann. Ich mag daran, dass genaugenommen gar nicht klar ist, wo oben und unten ist. Ich mag daran, dass es in schwarz/weiß besser wirkt als in Farbe. Ich mag daran, dass es alles Mögliche sein. Ich weiß, was es ist, aber ein fremder Betrachter nicht. Ich mag das Abstrakte, jemand anderes vielleicht nicht. Ich mag die Vielfalt die dieses Foto anbietet. Ich mag das Einfache daran und das es ohne viel Schnickschnack trotz allem interessant ist. Zumindest für mich.

DSC_1807 mod01a

Und so habe ich genaugenommen einen neuen Schatz gefunden, das jedoch fast im digitalen Nirwana verschwunden wäre. Aber eben nur fast.

„Nichts ist so beständig wie der Wandel.

>Heraklit von Ephesus<

Annett

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8 Kommentare zu „abstrakte Liebe

  1. Mmmmmhhh, ich bin hin und hergerissen. Als ich das Bild gesehen hab und den Text noch nicht gelesen hab, dachte ich sofort „WOW, sehr coole Aufnahme, tolle Farben und Kontraste“… Dann war ich doch eher verwundert… Ich hab das Bild dann genauer betrachtet, und das einzig (leicht) störende ist in meinen Augen nur der abgeschnittene Baum. Alles andere wirkt für mich total stimmig… Schon witzig wie unterschiedlich so manche Szene aufgefasst wird 😉

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    1. Ja, ich kann Dich verstehen. Das klingt jetzt doof, aber ich war halt selbst enttäuscht, dass mir das Bild nicht mehr so gefällt wie noch vor einiger Zeit. Es hat mich total überrascht und irgendwie kann ich nicht genau festmachen, woran das liegt (also, dass es mir scheinbar so plötzlich nicht mehr gefällt). 😦

      An diesem Beispiel kann ich aber auch gut erkennen, dass Gefallen oder Nicht-Gefallen, oft nichts damit zu tun hat, ob es ein gutes oder schlechtes Bild ist, 😉

      Gruß, Annett

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  2. Ok, ich stehe noch an einem ganz anderen Punkt meiner fotografischen Entwicklung, aber ich habe jetzt schon sehr viel über Fotografie gelesen, setze mich viel mit Fotos auseinander, analysiere, denke nach, lasse auf mich wirken, lerne… Ich kann verstehen, dass du das Foto kritisch siehst und genau wie du selbst und Markus sagen, kann ich höchstens (!) den abgeschnittenen Baum bemängeln… ich frage mich, wie es wäre, wenn man ihn absichtlich noch ein bisschen mehr abschneidet? Aber egal, wie viel und ob man noch an ihm schneidet, ich mag das Foto! Die Landschaft ist toll, die Farben sind klasse, die Stimmung ist interessant… … 🤔… ich nehme an, man wird eben mit der Zeit möglicherweise auch immer kritischer… … es gibt aber eben auch Fotos, die sind sogar voll gespickt mit Fehlern und ein Laie, der „nur“ auf sich wirken lässt, was zu sehen ist und gar nicht so viel mit dem Kopf dran geht, sieht auch manchmal in einem wirklich missglückten Foto ein tolles Foto… … also, ich glaube, nicht nur viel denken und Analysieren macht ein schönes, ansprechendes Foto… … und genauso glaube ich, darf man Fotos, die man irgendwann mal total geliebt hat, irgendwann auch gar nicht mehr mögen;-)… … Ich mag’s auf jeden Fall!

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    1. Du hast gute Gedanken formuliert.

      Ja, um ein Foto ansprechend zu finden, muss es technisch nicht perfekt sein. Es muss eine Stimmung übermitteln. Es muss mehr als nur das Ästhetik-Empfinden beim Betrachter ansprechen. Vermutlich wirken Fotos viel öfter über das Gefühl, denn die meisten Betrachter sind ja gar nicht fotointeressiert. Vielleicht ist das der Punkt, der mich irriert: ich mochte dieses Foto mal und habe viel damit verbunden. Es hat mich emotional berührt. und nun tut es das nicht mehr 😦 Das ich dann die offensichtlichen Fehler sehe, ist vielleicht eher mein halbherziger Versuch zu formulieren, was ich nicht wirklich in Worte fassen kann.
      Am liebsten mag ich Deinen vorletzten Satz: es ist irgendwie tröstlich mir noch mal vor Augen zu führen, dass man etwas nicht immer lieben muss/kann. Eigentlich fasst es mein Gefühl sehr gut zusamen: es fühlt sich gerade wie Trennungsschmerz an. 😦

      Danke für Deine Worte.

      Gruß, Annett

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  3. Mir gefällt das erste Bild sehr gut, das zweite aber auch.
    Ich bin ein Beispiel einer Fotografin unperfekter Bilder und weigere mich sogar, perfekte Fotos machen zu wollen. Ich glaube meine Fotos leben von der Stimmung, manchmal von der zugehörigen Geschichte. Sie gefallen oder auch nicht. Wer das Perfekte sucht, wird es bei mir wahrscheinlich nicht finden. Auch gut.

    Du beschreibst sehr anschaulich, wie uns manchmal die eigene Veränderung im Lauf der Jahre auffällt. Und manchmal enttäuscht sind.

    Mir geht es so, wenn ich in meinen ersten Blog reinlese und sehe, wer ich damals war. Klar, es war ein Teil meiner Entwicklung. Aber heute mag ich manches an mir nicht mehr, das ich damals lebte und ausdrückte.

    So geht Veränderung, so geht Leben.
    Schön, dass du da bist 🙂

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    1. Danke für Deinen lieben Kommentar. 🙂 Veränderungen können gut sein und sie sind unabdinglich für die eigenen Weiterentwicklung. Aber erstaunlich ist doch, wie man sich so im Laufe der Zeit ändert. Ach naja, und wegen perfekt … was ist schon perfekt? 😉

      LG Annett

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