ziemlich abgefahren …

… sind diese Reifen. Sie sind nicht mehr perfekt für das Auto, aber sie sind perfekt als Pufferzone zwischen Boot und Bootssteg. Und als Fotomotiv. Sowie als Nachtrag zu meinem letzten Post über Perfektion.

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Annett

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Perfektion

Die heutigen Fotos wollte ich schon vor einer Weile zeigen, aber ich hatte nicht den richtigen Begleittext dazu. Aber dann, in der morgendlichen Stille des 2. Advents, habe ich eine Anregung gefunden. Eigentlich hat es mich gefunden: in einem Kommentar zu einem Blogpost von Kunograph schreibt frauheldin, dass man im Internet die perfekte Version von sich selbst ist und man vielleicht lernen müsse diese Version auch im realen Leben zu sein (ihre genauen Worte könnt ihr hier nachlesen). Manchmal „passieren“ Blogbeiträge halt einfach (bei mir sogar meistens, weil ich die Veröffentlichungen nur ausnahmsweise bzw. kaum vorplane …)

Es geht mir nicht darum, dass man generell nach Perfektion strebt, sondern eher um die Frage warum das so ist. Das Streben nach Perfektion kann ich gut nachvollziehen, aber warum wollen wir eigentlich perfekt sein? Ist das besser? Wenn ja, besser als was?

Ich möchte Perfektion übrigens nicht mit Selbstoptimierung gleichsetzen. Sich verbessern und weiterentwickeln zu wollen, halte ich für eine gute Sache, Perfektion dagegen für eine langweilige. Also woher kommt der Irrglaube, dass wir uns perfekt präsentieren müssen? Etwas, das besonders Im Internet und in den sozialen Netzwerken so ist, denn ein User zeigt den Anderen nur einen kleinen Ausschnitt seiner Wirklichkeit – nämlich den Teil, den er oder sie selbst für perfekt oder zumindest für nah dran hält. Ich nehme mich da nicht aus. Ich bin nicht in sozialen Medien aktiv, aber auf diesem Blog (oder woanders) zeige ich keine mißlungenen Fotos. Ich zeige nur Fotos, die mir gefallen und die ich für perfekt zeigenswert halte. Und so entsteht natürlich ein Eindruck, der der Realität nicht gerecht wird. Oder vielmehr wird eine ganz eigene, neue Art von Realität geschaffen.

Meiner Meinung nach ist Perfektion per se ist langweilig. Wenn alles schön, glatt, ohne Ecken und Kanten, ohne Konflikte, ohne Fehler ist, ist das doch am Leben völlig vorbei. Das gibt es nicht. Warum also die Mühe es online zu erschaffen? Es sind die Fehler und Makel, die andere interessant und einzigartig machen. Vielleicht liegt es aber auch an unserer Vorstellung und Definition, die wir von Perfektion haben. Warum empfinden wir Fehler als unperfekt? Gehören sie etwa nicht zu uns und unserem Leben dazu? Können wir nicht trotz unserer Fehler perfekt sein?

Meine Foto zeigen etwas, das wir – vermutlich – nicht als perfekt empfinden. Es sind Blätter einer Hasselnuss. Nicht im Frühjahr aufgenommen, sondern vor kurzem. Sie haben den Sommer genossen und nun ist der Herbst da. Die Sonne und Wärme wird weniger. Das Chlorophyll verabschiedet sich und das Blatt wird fleckig. Es ist nicht mehr saftig und einheitlich grün wie zu Beginn seines Lebens. Dennoch finden wir ein junges, grünes Führlingsblatt perfekter als die Herbstversion mit ihren braunen, trockenen und rissigen Stellen. Und dennoch würde ich sagen, dass die Herbstversion des Blattes in sich perfekt ist. Warum sie mit dem Frühjahr vergleichen? Das ist Vergangenheit.

Die Frage, warum wir perfekt sein wollen, muss jeder für sich beantworten. Ich habe erkannt, dass Perfektion kein einheitlicher Standard ist. Wenn man sich von allen Vorgaben und Eindrücken lösen kann, dann liegt Perfektion im Augenblick. Ich finde das Herbstblatt ebenso perfekt (aber möglicherweise interessanter) wie die Frühjahrsversion. Ich finde ein Hasselnussblatt ebenso perfekt wie das Blatt eines Apfelbaumes. Ich würde nie die beide miteinander vergleichen wollen. Warum tun wir es dann z. B. mit unseren Kindern, Social-Media-Freunden, Kollegen, Verwandten, Eltern, Ehepartnern, Mitmenschen? Möglicherweise könnten wir aufhören perfekt sein zu wollen, wenn wir aufhören zu vergleichen (und zu werten). Dann bliebe nur noch übrigen ‚zu sein‘. So wie das Herbstblatt der Hasselnuss. Bis es der Herbststurm mit sich fortreißt. Oder ich, weil ich es fotografieren möchte.

 

Annett

look down 3

Wie oft sind wir eigentlich dankbar dafür, dass uns unsere Füße dahin tragen, wo wir hin wollen? Vermutlich nicht sehr oft – das ist jedenfalls meine Vermutung, wenn ich von mir ausgehe. Ich beachte meine Füße wenig. Und dennoch ergeben Füße bzw. Schuhe auf diversen Untergründen eine weitere look down collage (look down 1 und look down 2 sind hier und hier zu finden).

Normalerweise erkläre ich nichts oder nur wenig zu meinen Fotos bzw. zumindest nichts zum Entstehungsprozeß. Mein look-down-Projekt ist ein kreatives, zwangloses Projekt, dass sich wunderbar in den Alltag integriert und sich immer und zu jeder Zeit durchführen lässt. Ich staune, wie sehr ich mittlerweile genau schaue und oft genug interessante Untergründe oder Strukturen auf dem Boden entdecke. Ein Foto ist dann schnell gemacht – auch auf dem Weg ins Büro.

Irgendwann kamen dann auch mal Schuhe mit ins Bild. Aber bei dieser Collage hatte ich ein Problem – der erste Versuch war einfach zu wild, zu bunt, zu ungeordnet, zu unruhig für meinen Geschmack. Es war kein roter Faden erkennbar (nur Schuhe sind nicht ausreichend) bzw. es entstand keine in sich geschlossene Collage. Also habe ich als erstes die Farbe rausgenommen. Schon besser! Die Strukturen der Untergründe treten nun deutlicher hervor. Als zweites habe ich die Fotos anders angeordnet. Es zieht sich nun eine Diagonale durch die Collage und auf jedem Bild zeigen Schuhe zur Bildmitte. Die Collage ist zwar unruhiger als ich es normalerweise mag, aber sie ist dennoch ist auf ihre Weise geordnet. Wenn man die Ordnung erst mal erkannt hat.

Füsse 2

Annett

with heart and soul

Als ich vor Jahren mit dem Fotografieren anfing, unterlag ich einem kolossalen Irrtum. Ich nahm nämlich an, dass ich als Fotograf ein Beobachter bin und in dieser Funktion außen vorstehe. Das ist grundlegend falsch. Zumindest, wenn man gute Fotos machen möchte.

Gute Fotos verlangen natürlich die Begeisterung oder zumindest das Interesse des Fotografen für das Motiv. Ich hatte angenommen, das sei ausreichend und habe mich daher in meiner Beobachterfunktion wohl gefühlt und es mir hinter der Kamera bequem gemacht. Erst jetzt habe ich erkannt, dass auch noch das Einlassen des Fotografen auf das Motiv wichtig ist. Vielleicht sogar wichtiger, wenn ich Fotos machen möchte, die nicht nur mir gefallen. Erst wenn ich die Kamera für einen Moment runternehme und nichts zwischen mir und dem Motiv ist, dann kann eine Verbindung entstehen auf die ich mich einlasse. Diese Kontaktaufnahme mit dem Motiv ist genauso wichtig wie das Motiv an sich. Ich musste demzufolge meine Ansicht ändern und vom Beobachter zum Teilnehmer werde. Aktiv statt passiv. Ich habe die Fotografie viele Jahre für passiv gehalten – sehen und Auslöser drücken. Dabei können schöne Fotos entstehen, aber das sind dann eben „nur“ schöne Fotos. Sie berühren dann nicht das Innerste beim Betrachter. Aber wenn das Herz und die Seele mitfotografieren, dann entstehen besondere Fotos. Fotos bei denen man merkt, das sie viel mehr sind als nur ein Foto. Das sie mehr tun als nur einen kurzen Moment der Zeit festzuhalten.

Viel prägnanter hat das übrigens Arnold Newman mit dem folgenden Zitat ausgedrückt:

„Wir nehmen Bilder nicht mit unseren Kameras auf, sondern mit dem Herzen.“

Und das funktioniert nur, wenn ich aufhöre Beobachter zu sein und mich auf mein Motiv einlasse. Aber das ist mal leichter, mal schwerer und oft gelingt es auch überhaupt nicht – dann jedoch mache ich inzwischen gar kein Foto mehr …

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Annett