Perfektion

Die heutigen Fotos wollte ich schon vor einer Weile zeigen, aber ich hatte nicht den richtigen Begleittext dazu. Aber dann, in der morgendlichen Stille des 2. Advents, habe ich eine Anregung gefunden. Eigentlich hat es mich gefunden: in einem Kommentar zu einem Blogpost von Kunograph schreibt frauheldin, dass man im Internet die perfekte Version von sich selbst ist und man vielleicht lernen müsse diese Version auch im realen Leben zu sein (ihre genauen Worte könnt ihr hier nachlesen). Manchmal „passieren“ Blogbeiträge halt einfach (bei mir sogar meistens, weil ich die Veröffentlichungen nur ausnahmsweise bzw. kaum vorplane …)

Es geht mir nicht darum, dass man generell nach Perfektion strebt, sondern eher um die Frage warum das so ist. Das Streben nach Perfektion kann ich gut nachvollziehen, aber warum wollen wir eigentlich perfekt sein? Ist das besser? Wenn ja, besser als was?

Ich möchte Perfektion übrigens nicht mit Selbstoptimierung gleichsetzen. Sich verbessern und weiterentwickeln zu wollen, halte ich für eine gute Sache, Perfektion dagegen für eine langweilige. Also woher kommt der Irrglaube, dass wir uns perfekt präsentieren müssen? Etwas, das besonders Im Internet und in den sozialen Netzwerken so ist, denn ein User zeigt den Anderen nur einen kleinen Ausschnitt seiner Wirklichkeit – nämlich den Teil, den er oder sie selbst für perfekt oder zumindest für nah dran hält. Ich nehme mich da nicht aus. Ich bin nicht in sozialen Medien aktiv, aber auf diesem Blog (oder woanders) zeige ich keine mißlungenen Fotos. Ich zeige nur Fotos, die mir gefallen und die ich für perfekt zeigenswert halte. Und so entsteht natürlich ein Eindruck, der der Realität nicht gerecht wird. Oder vielmehr wird eine ganz eigene, neue Art von Realität geschaffen.

Meiner Meinung nach ist Perfektion per se ist langweilig. Wenn alles schön, glatt, ohne Ecken und Kanten, ohne Konflikte, ohne Fehler ist, ist das doch am Leben völlig vorbei. Das gibt es nicht. Warum also die Mühe es online zu erschaffen? Es sind die Fehler und Makel, die andere interessant und einzigartig machen. Vielleicht liegt es aber auch an unserer Vorstellung und Definition, die wir von Perfektion haben. Warum empfinden wir Fehler als unperfekt? Gehören sie etwa nicht zu uns und unserem Leben dazu? Können wir nicht trotz unserer Fehler perfekt sein?

Meine Foto zeigen etwas, das wir – vermutlich – nicht als perfekt empfinden. Es sind Blätter einer Hasselnuss. Nicht im Frühjahr aufgenommen, sondern vor kurzem. Sie haben den Sommer genossen und nun ist der Herbst da. Die Sonne und Wärme wird weniger. Das Chlorophyll verabschiedet sich und das Blatt wird fleckig. Es ist nicht mehr saftig und einheitlich grün wie zu Beginn seines Lebens. Dennoch finden wir ein junges, grünes Führlingsblatt perfekter als die Herbstversion mit ihren braunen, trockenen und rissigen Stellen. Und dennoch würde ich sagen, dass die Herbstversion des Blattes in sich perfekt ist. Warum sie mit dem Frühjahr vergleichen? Das ist Vergangenheit.

Die Frage, warum wir perfekt sein wollen, muss jeder für sich beantworten. Ich habe erkannt, dass Perfektion kein einheitlicher Standard ist. Wenn man sich von allen Vorgaben und Eindrücken lösen kann, dann liegt Perfektion im Augenblick. Ich finde das Herbstblatt ebenso perfekt (aber möglicherweise interessanter) wie die Frühjahrsversion. Ich finde ein Hasselnussblatt ebenso perfekt wie das Blatt eines Apfelbaumes. Ich würde nie die beide miteinander vergleichen wollen. Warum tun wir es dann z. B. mit unseren Kindern, Social-Media-Freunden, Kollegen, Verwandten, Eltern, Ehepartnern, Mitmenschen? Möglicherweise könnten wir aufhören perfekt sein zu wollen, wenn wir aufhören zu vergleichen (und zu werten). Dann bliebe nur noch übrigen ‚zu sein‘. So wie das Herbstblatt der Hasselnuss. Bis es der Herbststurm mit sich fortreißt. Oder ich, weil ich es fotografieren möchte.

 

Annett

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Bild

abstrakte Liebe

Ich war in meinem Archiv und habe nach beinah vergessenen Schätzen Ausschau gehalten. Wie ihr vielleicht wißt, möchte ich meine alten Fotos neu entdecken und so ihren Lebenszyklus in dieser schnellebigen Zeit verlängern – diese Idee habe ich hier beschlossen.

Ich bin daher ganz gezielt zu den Anfängen meiner Fotografie gegangenen. Im Jahr 2007 war ich im Yellowstone und habe dort ein Foto gemacht, an das ich mich immer noch sehr gut erinnere und das mir seit 10 Jahren gefällt. Das könnte ich abstauen und schauen, ob ich ihm einen neuen (digitalen) Anstrich verpassen sollte/müsste/wollte.

So mein Plan für diesen Blogpost. Aber dann kam es anders.

Ich habe das Foto gefunden und statt wie üblich Freude beim Anblick zu empfinden, sehe ich nur noch die Fehler, die ich gemacht habe. Das Bild würde ich heute so nicht mehr fotografieren. Schlimmer noch ist, dass es seinen Reiz für mich verloren hat. Es gefällt mir nicht mehr. Ich sehe nur das überbelichtete Weiß, den abgeschnittenen Baum und eine allgemeine Disharmonie, die mir nicht zusagt,, die ich aber auch nicht näher bestimmen und so vielleicht ändern kann. Es ist wirklich merkwürdig. Wie kann ein Foto, das mir mal sehr viel bedeutet hat, sich so von mir abwenden? Oder besser: ich von ihm? Offenbar haben sich meine fotografischen Vorlieben in all den Jahren sehr gewandelt, aber so stark? Anderseits ist niemand derselbe, der er noch vor 10 Jahren war. Da ich also keine andere Wahl habe, versuche ich diese Vorstellung zu akzeptieren. Denn ändern kann und will ich es nicht mehr.

Nachdem ich mich nun also ein wenig ausgejammert habe, werde ich mein ehemaliges Lieblingsstück trotzdem zeigen. Auch wenn ich das Foto heute so nicht mehr aufnehmen würde, gehört es doch zu meiner fotografischen Entwicklung. Und nur weil ich enttäuscht bin und das Mißlungene sehe, heißt das nicht, dass es anderen auch so geht.

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Aber kein Blogpost ohne Happy End. Während ich also auf dem Weg zu einem ehemaligen und fast vergessenen Lieblingsfoto bin, stolpere ich über ein anderes, das ich damals ebenfalls im Yellowstone National Park, wenngleich an anderer Stelle, gemacht habe. Dieses Foto habe ich aber 10 Jahre ignoriert. Und wieder frage ich mich, wie sich meine fotografischen Vorlieben so ändern konnten!?

Ich mag an diesem Foto, dass ich es lange betrachten und dennoch neue Details entdecken kann. Ich mag daran, dass genaugenommen gar nicht klar ist, wo oben und unten ist. Ich mag daran, dass es in schwarz/weiß besser wirkt als in Farbe. Ich mag daran, dass es alles Mögliche sein. Ich weiß, was es ist, aber ein fremder Betrachter nicht. Ich mag das Abstrakte, jemand anderes vielleicht nicht. Ich mag die Vielfalt die dieses Foto anbietet. Ich mag das Einfache daran und das es ohne viel Schnickschnack trotz allem interessant ist. Zumindest für mich.

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Und so habe ich genaugenommen einen neuen Schatz gefunden, das jedoch fast im digitalen Nirwana verschwunden wäre. Aber eben nur fast.

„Nichts ist so beständig wie der Wandel.

>Heraklit von Ephesus<

Annett

Kreative Sommerpause?

In meinem Blog ist es gerade ruhig. Und ich kann nicht mal genau sagen, woran es liegt. Nun vermutlich daran, dass mein offline-Leben mehr Raum einnimmt, als ich meinem online-Leben geben möchte. Ich verbringe mehr Zeit mit Fotografie denn je, aber mir fehlt ein bißchen die Muße zu bloggen. Vielleicht liegt es am Sommer, vielleicht auch an meiner (fotografischen) Selbstfindung. Ich bin gerade sehr mit abstrakter Fotografie und digitaler Bearbeitung beschäftigt. Mir gefällt es, dass meine Bilder „nur“ ein Zusammenspiel aus Farben und (abstrakten, schemenhaften) Formen sind. Wobei ja wiederum ALLE Fotos ein Zusammenspiel aus Formen und Farben sind. Meine Fotos sind mittlerweile aber nur noch irgendwelche Andeutungen und versteckte Ideen. In ihnen kann dann jeder sich selbst sehen. Oder auch nicht. Anais Nin hat es treffend ausgedrückt:

Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind.
Wir sehen sie so, wie wir sind.“

Und mit meinen abstrakten Fotos mache ich extrem wenig Vorgaben und so wird jeder etwas anderes in ihnen sehen. Oder eben auch gar nichts. Und das kann ich auch verstehen. Die Fotos sind beim Entstehen nur ein Gefühl. Mein Gefühl. Und auch beim anschließenden Betrachten auf Papier oder am Bildschirm sind sie ein Gefühl. Sie sind intensiv, weil sie persönlich und angreifbar sind.

Alles in allem ein interessanter und spannender Prozess. Ich hatte im letzten Post schon zwei dieser Werke gezeigt und hier sind nun noch ein paar.

008-flowers

011-stucked

012-wiedergeboren

013-abgetaucht

015-baum

Ich wünsche Euch eine wunderbare und kreative Woche.

Annett